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„Mehr Empathie und weniger Vorurteile – so werden wir menschlicher“: vilmA-Preisträgerin Faiza Möwes über ihren Weg und Einsatz für mehr Menschlichkeit

Sie kennt Flucht, Armut, Wohnungslosigkeit und das Leben mit einer unsichtbaren Erkrankung. Trotzdem definiert sich Faiza Möwes nicht über das, was sie erlebt hat, sondern über das, was sie daraus macht. Für ihr außergewöhnliches Engagement wurde sie mit dem vilmA-Pokal ausgezeichnet. Im Interview mit unserer VdK-Redaktion spricht die 37-Jährige darüber, warum Empathie der Schlüssel zu einer menschlicheren Gesellschaft ist.

Faiza Möwes freudestrahlend mit ihren beiden Töchtern bei der vilmA-Preisverleihung 2025 im NRW-Landtag.
Faiza Möwes freudestrahlend mit ihren beiden Töchtern bei der vilmA-Preisverleihung 2025 im NRW-Landtag. © www.eventfotograf.in

Hat der vilmA-Pokal zu Hause ein schönes Plätzchen bekommen?

Wenn ich ehrlich bin, habe ich den Pokal zuerst im Schrank versteckt, weil mir diese Form der Aufmerksamkeit unangenehm war. Meine Tochter war aber unglaublich stolz und hat ihn immer wieder im Eingangsbereich aufgestellt. Inzwischen schaue ich selbst mit Stolz darauf – nicht nur, weil ich die Auszeichnung erhalten habe, sondern weil sie für viele Menschen steht, die Ähnliches erlebt haben. Und sie erinnert mich daran, welchen Einfluss wir auf die nächste Generation haben.

Du spielst auf deine Töchter an.

Ja. Meine Töchter haben ihren Realschulabschluss als Jahrgangsbeste abgeschlossen und wurden für ihr soziales Engagement ausgezeichnet. Das macht mich wiederum unheimlich stolz – vor allem, wenn ich daran denke, dass ihnen zunächst eine Förderschule empfohlen wurde. Heute steuern beide auf das Abitur zu. Das zeigt mir, wie viel Vorbilder bewirken können.

Eine neuromuskuläre Erkrankung begleitet deinen Alltag. Wie wirkt sich diese auf das tägliche Leben aus?

Man könnte von außen denken, dass ich mich nach 14 Jahren perfekt mit der Erkrankung arrangiert habe. Aber sie bleibt ein Teil meines Lebens, der sich oft nur schwer vereinbaren lässt. Es ist ununterbrochenes Funktionieren müssen in einer Leistungsgesellschaft, die vor allem unsichtbare Erkrankungen überhaupt nicht anerkennt. Oft kämpfe ich gar nicht so sehr mit der Erkrankung selbst, sondern mit den Vorurteilen der Mitmenschen.

Was war passiert?

Erst neulich wurden meine Tochter und ich auf einem Parkplatz angepöbelt. Der Mann hat sich einfach vor mein Auto gestellt, als ich mit meiner Sonderparkerlaubnis auf einem Schwerbehindertenparkplatz parken wollte. Aber vielleicht ist da schon das grundsätzliche Problem, das Rollstuhlsymbol. Es gab schon so viele grenzwertige Situationen, in denen mir Leute unterstellt haben, ich würde nur simulieren, weil ich nicht krank aussehe. Ich stelle dann immer die Gegenfrage: Wie sieht denn für Sie eine schwerbehinderte Person aus?

Du stehst vor großen Herausforderungen …

Ja, eine weitere Herausforderung ist die Unplanbarkeit, nicht zu wissen, werde ich die nächsten Tage in meinem zweiten Zuhause verbringen, „im Krankenhaus“, oder kann ich mit meinen Kindern in den Urlaub. Wo Schatten ist, gibt es auch Licht, denn die Krankheit ist auch ein guter Ratgeber geworden, um auf meine Grenzen zu achten.

Bei der vilmA-Preisverleihung hast du gesagt: „Jeder Tag stellt uns vor die Wahl: liegen bleiben oder aufstehen.“ Was bedeutet dieser Satz für dich?

Ich habe Tage, an denen ich es nicht schaffe, aufzustehen, an denen mir die Kraft fehlt. Damit komme ich aber klar und erlaube Kopf, Seele und Körper eine Auszeit. Das Entscheidende ist, nach jedem Niederschlag und nach jeder schlechten Phase wieder aufzustehen und dem Leben eine neue Chance geben. Wir müssen lernen, achtsam mit unseren Kräften umzugehen.

In deinem Leben hast du Erfahrungen mit Flucht, Gewalt und Wohnungslosigkeit gemacht. Wie haben diese Erlebnisse dich geprägt?

Diese Schicksalsschläge haben mich tief geprägt. Wenn ich jemals die Ressourcen habe, ein Buch über mein Leben zu schreiben, dann würde es genau diesen Titel tragen: Wie viel schafft ein Mensch zu ertragen, von Überleben zum Leben. Wenn man selbst in den dunkelsten Zeiten nie eine helfende Hand gereicht bekommen hat, entwickelt man oft den Drang, für andere da zu sein.

Aktuell arbeite ich im Bereich Wohnen und Soziales für Flüchtlingsunterkünfte. Diese Arbeit ist eine tiefgehende Erkenntnis für mich, weil sie mich an meine eigene Geschichte erinnert. Ich weiß noch genau, mit wie wenig meine Familie und ich damals nach der Flucht aus Algerien nach Deutschland gekommen sind.

Was wäre dein großer Wunsch?

Ich wünsche mir, dass Menschen hinter dem Begriff „Geflüchtete“ zuerst den Menschen sehen. Niemand verlässt freiwillig seine Heimat, seine Familie und sein gewohntes Leben, um am Ende mit etlichen Fremden ein eigenes Badezimmer zu teilen. Wer flieht, tut das aus Not. Mehr Empathie, weniger Vorurteile und die Bereitschaft zuzuhören würden unsere Gesellschaft menschlicher machen.

Du absolvierst ein duales Studium der Sozialen Arbeit. Wie ergänzen sich Studium und Praxis?

Nach meiner Praxiszeit im inklusiven Jugendzentrum Auerberg konzentriere ich mich auf die Arbeit in Flüchtlingsunterkünften – und im nächsten Semester bei der Sozialpsychischen Beratung des Gesundheitsamts. In den Unterkünften habe ich gemerkt, dass ich den Jugendlichen nicht nur als angehende Sozialarbeiterin begegne, sondern auch als die kleine Faiza von früher. Für mich ist es entscheidend, Kindern und Jugendlichen auf Augenhöhe zu begegnen, anstatt über ihre Köpfe hinwegzureden. Wir sollten ihr Potenzial sehen – unabhängig von Herkunft, Behinderung oder ihrer Lebensgeschichte. Wer sagt denn, dass jemand im Rollstuhl keinen Sport treiben kann? Wer sagt, dass eine blinde Person sich nicht absolut stylisch kleiden darf? Oder dass ein Kind mit Migrationsgeschichte niemals einen Doktortitel erlangen kann?

Neben Krankheit, Studium, Arbeit und Familie engagierst du dich stark ehrenamtlich. Wofür genau?

Mein Schwerpunkt im Ehrenamt liegt in der jungen Selbsthilfe sowie im unermüdlichen Einsatz gegen Wohnungs- und Obdachlosigkeit. Ich bin überzeugt, dass wir viel stärker präventiv arbeiten und bereits in Schulen über diese Themen aufklären müssen. Deshalb brach es mir das Herz, dass das Projekt SelbsthilfeHelden aus Münster nicht weitergeführt werden konnte. Für mich ist es ein Armutszeugnis, dass Politik immer am falschen Ende spart - nämlich bei unserer Zukunft, den Kindern!

Woran hakt es im System?

Es fehlt schlicht das ehrliche, echte Zuhören. In vielen Entscheidungsgremien sitzen häufig Ältere, die von der realen Lebenswelt der Jugend oder von Menschen mit Behinderungen keine Ahnung haben. Mit 37 Jahren bin ich zwar nicht mehr das direkte Sprachrohr der Jüngeren. Aber ich kann ihnen den Raum geben und ihnen signalisieren: Ich höre euch zu, und wenn ihr eine unterstützende Hand braucht. Wir Erwachsenen stehen uns bei Veränderungen oft selbst im Weg. Dann kommt dieser Spruch, dass früher alles besser war. Dabei sollten wir offen für neue Wege sein und Weiterentwicklung als Chance verstehen. Wir können die Welt nicht verändern, wenn wir uns selbst nicht verändern. 

Das Interview führte Tobias Zaplata

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