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Ich arbeite den ganzen Tag im Kreißsaal“: Zu Besuch bei vilmA-Preisträger Tobias Koddebusch

Von: Tobias Zaplata

Wir fahren 500 Meter geradeaus. Links und rechts: nichts als Wald, Wiesen und ausgewachsene Maispflanzen. Plötzlich öffnet sich vor uns ein riesiges Gelände. Wir sehen ein breites Backsteingebäude. An einer Tür steckt Tobias Koddebusch den Kopf heraus und ruft: „Kommt rein, ich zeige euch meine Arbeit.“ Wir treffen den Gewinner des VdK-Preises vilmA auf dem Hof der Bertelsbeck GbR am Rande von Coesfeld.

Tobias Koddebusch hält eines seiner Ferkel behutsam auf dem Hof in Coesfeld in den Händen.
Tobias Koddebusch hält eines seiner Ferkel behutsam auf dem Hof in Coesfeld in den Händen. Mit viel Freude und Nähe kümmert er sich um die Tiere. © Tobias Zaplata

Die Schweinemäster Bernhard Langehaneberg und Aloys Homann leiten den Betrieb seit mehr als 20 Jahren. Hier erzeugen sie ihre eigenen Ferkel. 550 Sauen leben in den Ställen. Tobias Koddebusch ist seit einem Jahrzehnt dabei und hat hier seine Ausbildung mit der Note „sehr gut“ abgeschlossen. Mit der Arbeitsstelle hat sich der größte Traum des 27-Jährigen erfüllt, der das Down-Syndrom hat. Er wollte schon als kleiner Junge später einmal Landwirt werden, denn seine Eltern führen selbst einen landwirtschaftlichen Betrieb im 40 Kilometer entfernten Lüdinghausen.

Langer Arbeitsweg

Tobis Alltag beginnt um 6 Uhr: aufstehen, sich selbstständig fertig machen und dann los. Von Lüdinghausen pendelt er zunächst mit dem E-Bike bei „Wind und Wetter“. Weiter geht es mit der Bahn und wieder mit dem Rad. Im Schnitt dauert es mehr als 60 Minuten, bis er auf dem Hof eintrifft. Sein Betriebsleiter Felix Niehoff sagt schmunzelnd: „Tobi kann man komplett durch das deutsche Bahnnetz schicken. Er kennt jeden Weg und jede Verspätung.“

Die beiden verstehen sich auch privat gut und unternehmen viel miteinander. Erst kürzlich waren sie gemeinsam auf großer Reise in Namibia – zum Jagen. „Dort benötigt Tobi keinen Jagdschein, in Deutschland schon – wegen seiner Behinderung“, erklärt Felix Niehoff, „damit er aber bei Jagdveranstaltungen in seiner Heimat aktiv dabei sein kann, haben wir ihm ein eigenes Jagdhorn besorgt. So gibt er auch hier den Ton an.“

Jetzt aber ab an die Arbeit. Tobi geht vor. Die Ställe sind allesamt gleichzeitig unterteilt, je nach Größe und Alter der Tiere. Runde für Runde gilt es zu beobachten, ob alle Ferkel genug Muttermilch bekommen oder ob es Auffälligkeiten gibt. Schließlich muss alles in Ordnung sein, denn in unregelmäßigen Abständen wird der Hof von der Behörde kontrolliert. So impft Tobi die Ferkel drei Tage nach der Geburt gegen verschiedene Krankheiten und setzt ihnen Ohrmarken. „Im Prinzip arbeite ich den ganzen Tag im Kreißsaal“, sagt Tobi.

Stall waschen

Nach dem Füttern und Ausmisten tauscht er seine Arbeitskleidung gegen einen wasserfesten Overall und Ohrenschützer. Jetzt steht seine Lieblingsaufgabe an: Stall waschen. Der 27-Jährige nimmt den Hochdruckreiniger in die Hand, klemmt sich Kopfhörer auf die Ohren und säubert die Boxen, die nach dem Verkauf einiger Jungschweine freigeworden sind.

Lob erhält er vom Betriebsleiter: 

„Tobi ist eine echte Bereicherung für uns. Mit ihm gelingt Inklusion ganz leicht. Einfach Mensch als Mensch nehmen, fertig!“

Politikverrückt

Übrigens: Den vilmA-Pokal hat Tobi zu Hause in seinem Schlafzimmer auf der Fensterbank platziert. Gerne erinnert er sich an die Preisverleihung Ende 2025 im NRW-Landtag, denn er ist „politikverrückt und möchte am liebsten Bundeskanzler werden.“ So setzt er sich in der örtlichen CDUkurz fürChristlich Demokratische Union für Verbesserungen in der Landwirtschaft ein. 

Auch Felix Niehoff weiß: „Die Landwirte in Deutschland stehen mit dem Rücken zur Wand, es geht schlichtweg um Existenzen. Dennoch werden lieber Standards aus dem Ausland eingekauft – und das, obwohl die deutschen Betriebe bei der Tierhaltung weltweit ganz oben mitspielen.“

Blick auf die Uhr. Der Arbeitstag ist beendet. Tobias Koddebusch schwingt sich auf sein E-Bike und düst mit den Worten davon: 

„Ich freue mich schon auf morgen!“