Wir müssen Klimaschutz und soziale Sicherheit zusammen denken: Sommer-Interview mit der Direktorin des Sozial-Klimarats, Dr. Ines Verspohl
Kriege, Krisen, Kostensteigerungen treiben vielen Menschen Sorgenfalten auf die Stirn. Gleichzeitig stellen Stimmen aus der Politik Klimaziele infrage. In diesem Spannungsfeld haben wir mit der Direktorin des Sozial-Klimarats, Dr. Ines Verspohl, gesprochen. Sie erklärt, warum soziale Klimapolitik so wichtig ist und welche Maßnahmen jetzt dringend nötig sind, um besonders Ältere und Pflegebedürftige vor der drohenden Sommerhitze zu schützen.

Was motiviert Sie persönlich, sich für soziale Klimapolitik einzusetzen?
Ich habe mich schon immer für Sozialpolitik und Verteilungsgerechtigkeit eingesetzt. Die Klimapolitik verteilt inzwischen auch viel Geld und Chancen um, aber leider von unten nach oben. In der Politik wollen das viele ändern und ich habe die Chance dort mein Wissen zur Sozialpolitik und meine Erfahrungen aus dem VdK einzubringen.
Welche Chancen sehen Sie im Zusammenspiel von Klima- und Sozialpolitik?
Nur im Zusammenspiel kann die Klimaneutralität gelingen und die brauchen wir, wenn wir noch länger auf diesem Planeten leben wollen. An der Basis sehe ich, dass viele Klimaschutzprojekte Menschen zusammenbringen, Gesundheit und sozialen Zusammenhalt stärken.
Der Sommer steht vor der Tür: Hitze wird für viele Menschen – besonders Ältere und Pflegebedürftige – zunehmend zur Belastung. Ist Deutschland darauf ausreichend vorbereitet?
Nein. Prävention und öffentliche Gesundheit sind in Deutschland leider kein Thema. Niemand ist zuständig. Wir müssten Klimaanpassung und Schutz vor der Hitze in allen Politikfeldern mitdenken. Es dürfte nichts mehr gebaut werden, wo kein Schatten eingeplant ist. Gerade Senioren verbringen 21 Stunden des Tages zuhause.
Dort müssten sie geschützt werden. Zentral dafür ist es die Fenster zu verschatten, es darf keine direkte Sonne in die Wohnung kommen. Im Notfall hilft es auch ein Bettlaken von außen in den Fensterrahmen zu klemmen. Besonders Pflegebedürftige zuhause sind gefährdet, weil sie das tägliche Verschatten und nächtliche Querlüften nicht mehr selbst machen können. Jemand muss darauf achten, dass sie genug zu trinken bekommen und bei einem Kreislaufkollaps den Arzt oder Rettungswagen verständigen. Da schauen wir noch zu viel nur auf die Pflegeheime.
Welche kurzfristigen Maßnahmen sollten Städte und Kommunen jetzt noch vor den bevorstehenden heißen Tagen ergreifen?
Kurzfristige Maßnahmen sind leider nicht so wirkungsvoll, da sind häufig nur noch Appelle an die Bevölkerung möglich viel zu trinken und im Schatten zu bleiben. Wo möglich sollten Sonnensegel installiert werden und die Außenjalousien in öffentlichen Gebäuden, vor allem Kitas und Schulen in Stand gesetzt werden.
Klimaschutz gilt oft als teuer – besonders beim Thema Wohnen. Viele Menschen sorgen sich wegen steigender Energie- und Mobilitätskosten. Wo sehen Sie Politik und Vermieter besonders in der Pflicht?
Politik und Vermieter sind grundsätzlich in der Pflicht. Der Einzelne kann mit seinem Verhalten nicht ausreichend ändern. Die Heizkosten und die Spritpreise steigen und werden weiter steigen, die Iran-Krise war nicht die letzte. Dagegen hilft nur unabhängig von ausländischen Lieferanten werden.
Klimaneutrale E-Autos oder Wärmepumpen oder Geothermie-Fernwärme sind im Betrieb schon heute günstiger. Das Problem sind die Anschaffungskosten. Da ist die Politik in der Pflicht den Gold-Standard aufzugeben, damit die Preise sinken und entsprechende Förderprogramme für die ersten Jahre für Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen aufzulegen. Die Vermieter müssen wir in die Pflicht nehmen, nachhaltig günstige Heiztechniken einzubauen.
Viele Menschen mit einem eigenen Haus haben sich Sorgen gemacht, dass sie nicht nur eine Wärmepumpe anschaffen müssen, sondern auch noch das gesamte Haus dämmen müssen!
Da hat sich die Technik weiterentwickelt. Eine Wärmepumpe kann inzwischen eigentlich in jedem Haus eingebaut werden, eventuell ist noch ein zusätzlicher Heizkörper im Flur nötig. Wer Rente bezieht hat eigentlich immer Anspruch auf die Höchstförderung. Dann bleiben noch 9.000 Euro übrig, das ist so viel wie eine neue Gasheizung.
Und wer jetzt besonders unter hohen Heizkosten für Gas und Öl oder unter der Modernisierungsumlage für energetische Sanierung leidet, sollte sich nicht schämen, Wohngeld in Anspruch zu nehmen. Das ist genau dafür da in solchen weltpolitischen Krisen oder bei der Umstellung auf klimafreundliche Technik zu helfen. Auch im Eigenheim!
Welche Verbesserungen braucht der öffentliche Nahverkehr aus Ihrer Sicht dringend, damit er für alle bezahlbar und zugänglich bleibt?
Barrierefreiheit ist für alle Menschen wichtig, egal ob sie mit Rollstuhl, Kinderwagen oder Koffern unterwegs sind. Wir müssen uns aber von der Illusion lösen, dass wir den Nahverkehr so ausbauen können, dass Menschen auf dem Land kein Auto mehr brauchen. Hier brauchen wir Förderung von kleinen E-Autos und die passende Lademöglichkeit.
Welche Rolle spielen soziale Verbände wie der Sozialverband VdK in der klimapolitischen Debatte?
Der VdK ist zentral. Dann weiß die Politik, dass nicht nur einige Aktivisten, sondern wirklich große Teile der Bevölkerung eine klimafreundliche Welt wollen. Und gleichzeitig bringt der VdK das Wissen ein, wie große Sozialprogramme für alle funktionieren.
Zum Schluss: Gibt es bei der Klimapolitik Entwicklungen, die Sie optimistisch stimmen?
Ja, die technischen Entwicklungen machen Mut. Solarenergie ist weltweit auf dem Vormarsch, einfach, weil sie den günstigsten Strom liefert. Weltweit werden auch immer mehr günstige E-Autos verkauft. Das wird auch in Deutschland so kommen.
Das Interview führten Benedikt Lechtenberg und Tobias Zaplata
Zu Dr. Ines Verspohl
Dr. Ines Verspohl ist Direktorin des Sozial-Klimarats. Dort verbindet sie Klima- und Sozialpolitik und entwickelt Ideen für eine klimaneutrale Zukunft für alle Menschen. Zuvor war sie lange beim Sozialverband VdK Deutschland, zuletzt als Abteilungsleiterin Sozialpolitik.